Frieden mit der eigenen Mutter – vom Vorwurf zum Netz von Jana Eva Ritzen

Frieden mit der eigenen Mutter – vom Vorwurf zum Netz

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Was die Matrifokalitätsforschung über die älteste Beziehung unseres Lebens erzählt und welche Perspektiven sich öffnen, wenn man ihre Brille ernst nimmt

Es gibt Menschen, die mit fünfzig dieselbe Auseinandersetzung mit ihrer Mutter führen wie mit fünfzehn. Da meldet sich nach zwei Sätzen am Telefon die alte Wut im Bauch, stille Vorwürfe erfüllen bei jedem Kontakt den Raum und dann ist da diese eine Frage, die im Kopf ihre Runden dreht und verzweifelt auf Anerkennung hofft: Wann wird sie endlich erkennen, was sie mir angetan hat?

Die übliche Antwort darauf ist therapeutisch und individuell. Man soll die eigene Geschichte aufarbeiten, sich abgrenzen lernen und irgendwann vergeben.

Das ist nicht falsch und greift doch zu kurz, solange die strukturelle Ebene ausgeblendet bleibt.

Hier kommt die Matrifokalitätsforschung ins Spiel. Sie kann mehr, als den Schmerz erklären. Zu Ende gedacht öffnet sie einen Raum von Möglichkeiten, wie Fürsorge, Familie und Heilung anders aussehen könnten.

Dieser Text zeigt zuerst, warum der Konflikt zwischen Müttern und ihren erwachsenen Kindern kein Naturgesetz ist. Und er fragt dann, was sich verändert, wenn aus „Warum war es so?“ ein „Wie kann es heute anders gehen?“ wird.

Teil I – Bestandsaufnahme

Was Matrifokalität bedeutet

Matrifokalität heißt wörtlich „Mütter im Zentrum“. Die Ethnologie bezeichnet damit Familien- und Verwandtschaftsformen, in denen die Mutter der organisierende Knotenpunkt des sozialen Netzes ist. Der Unterschied zu heute liegt nicht in der Arbeit, denn auch im Patriarchat organisiert meist die Mutter das Familienleben. Er liegt darin, dass die Struktur selbst um sie gebaut ist: Zugehörigkeit, Wohnen und Abstammung richten sich nach ihr, nicht nach dem Mann.

Der Anthropologe Raymond T. Smith, der den Begriff prägte, betonte ausdrücklich, dass matrifokal nicht frauenzentriert heißt, sondern mutterzentriert. Matrifokalität ist damit etwas anderes als ein Matriarchat. Eine „Mütterherrschaft“ als Spiegelbild des Patriarchats hat es nach heutigem Forschungsstand nie gegeben, und seriöse Vertreterinnen der Patriarchatskritik wie Gabriele Uhlmann legen Wert auf genau diese Unterscheidung.

Die deutschsprachige Matrifokalitätsforschung – zu ihren bekanntesten Stimmen zählen Kirsten Armbruster, Gabriele Uhlmann und Stephanie Gogolin, von der der Begriff „Das Matrifokal“ stammt – geht einen Schritt weiter. Sie versteht Matrifokalität als das angeborene Sozialverhalten des Menschen.

Über den weitaus größten Teil der Menschheitsgeschichte, so die These, lebten Menschen in mutterzentrierten Sippen. Großmütter, Mütter und Töchter bildeten ein lebenslanges Kontinuum, Männer waren als Brüder, Onkel und Söhne Teil der Gemeinschaft. Eine Mutter begleitete ihre Kinder nie allein ins Leben. Sie war eingebettet in ein dichtes Netz von verwandten Frauen und Männern ihrer Mutterlinie.

Der Kern dieser These – nicht die konkrete Sippenform, wohl aber das Prinzip der geteilten Fürsorge – wird auch von der akademischen Evolutionsforschung gestützt. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy hat gezeigt, dass der Mensch ein „kooperativer Brüter“ ist. Kein anderes Lebewesen braucht so lange so viel Fürsorge wie ein Menschenkind. Dass eine Mutter diese Begleitung ins Leben allein leisten könnte, war evolutionär nie vorgesehen. Wir sind die Spezies, deren Kinder von vielen Händen gehalten werden – von Großmüttern, Tanten, Onkeln und älteren Geschwistern. Das ist kein romantisches Wunschbild, sondern der biologische Bauplan unserer Art.

Der Bruch – Wie das Patriarchat die Mutterlinie durchtrennte

Mit der Patriarchalisierung – einem historischen Prozess, keinem Naturzustand, wie schon Gerda Lerner in „Die Entstehung des Patriarchats“ gezeigt hat – wurde diese Struktur systematisch zerlegt. Der Verlust der Sippe geschah dabei mehrmals.

Der erste Verlust war vielerorts gewaltsam. Junge Frauen wurden aus ihren Sippen entführt, vergewaltigt und unter den Entführern aufgeteilt, weg von Mutter, Großmutter, Schwestern und Brüdern. Die Männer der überfallenen Sippen, Brüder, Onkel und Söhne, wurden getötet oder verdrängt, ganze männliche Linien verschwanden. Dass damals nur noch wenige dieser Linien sich fortpflanzten, ist bis heute in unserer DNA lesbar.

Ein weiterer Verlust kam schleichend, viele Jahrhunderte später. Die bürgerliche Kleinfamilie wurde zum Ideal, verdrängte die verbliebenen Frauennetze und machte aus der Mutter die Alleinverantwortliche.

Würde man heutige Mutterschaft als Stelle ausschreiben, stünde dort: Eine Person übernimmt rund um die Uhr, was früher eine ganze Sippe geteilt hat, unbezahlt und allein verantwortlich für jedes Misslingen. Auf diese Ausschreibung würde sich niemand bewerben. Beworben wird sich trotzdem, jeden Tag. Nur gilt die Bewerbung dem Kind, nicht den Bedingungen. Und so hat genau diese Stelle jede moderne Mutter inne.

Wie selbstverständlich diese Alleinverantwortung vorausgesetzt wird, lässt sich an einer einfachen Frage prüfen. Wann hat bei einem „schwierigen“ Kind zuletzt jemand gefragt, was eigentlich der Vater versäumt hat? Der Blick geht fast reflexhaft auf die Mutter und die finanziellen Verhältnisse, und fast nie auf die gesellschaftliche Struktur, der sie ausgesetzt ist.

Die Mutterwunde als Strukturschaden

Was in der therapeutischen Literatur „Mutterwunde“ heißt – die Erfahrung, von der eigenen Mutter nicht gesehen, nicht gehalten, nicht genährt worden zu sein – erscheint in diesem Licht anders.

Die Schuld liegt dann nicht bei der einen Frau, die zu wenig geben konnte. Stattdessen ist die Verantwortung auch in den Strukturen zu suchen, die ihr das Geben unnötig erschwerten. Generationen von Müttern, allein gelassen mit einer Aufgabe, die für viele gedacht war – isoliert, entwertet und überfordert.

Die transgenerationale Forschung beschreibt, wie emotionale Kälte, Kontrolle oder Rivalität von Müttern an ihre Kinder weitergegeben werden. Wer selbst nicht gehalten wurde, kann schwer halten. Jede Mutter in dieser Linie war zuerst eine Tochter, der etwas fehlte.

Bei Töchtern setzt sich der Mangel oft im eigenen Muttersein fort. Söhne tragen ihn anders weiter. Bei ihnen wandert der Mangel in die Partnerschaften und prägt das Bild, das sie sich von Weiblichkeit und Fürsorge machen. Spätestens im eigenen Vatersein holt er sie ein. Der Kreislauf zieht sich durch beide Geschlechter, er wird nur an verschiedenen Stellen sichtbar.

Die Matrifokalitätsforschung fügt dem die historische Tiefendimension hinzu. Dieser Kreislauf ist nicht einfach eine private Familientragödie. Er ist die über Generationen weitergereichte Folge eines strukturellen Verlusts. Des Verlusts der weiblichen Sippe, des Kontinuums von Großmüttern, Müttern und Kindern, samt Tanten, Onkeln und Geschwistern, der vielen Hände.

Meine Mutter hatte keine Sippe, ihre Mutter auch nicht. Hinter dem, was ich als gegen mich gerichtete Härte erlebt habe, standen auch Erschöpfung, Isolation und ein Mangel, der nicht in unserer Familie begann.

Was das für den Frieden mit der eigenen Mutter bedeutet

Erstens verschiebt sich der Blick vom persönlichen Vorwurf zur strukturellen Einsicht.
Solange Du die Verletzungen Deiner Kindheit ausschließlich als persönliches Versagen Deiner Mutter deutest, bleibst Du in einer Anklage gefangen, die nie zu Ende verhandelt werden kann.

Die strukturelle Perspektive verschiebt die Frage. Diese lautet nicht mehr nur „Warum hast Du mir das angetan?“, sondern auch „Unter welchen Bedingungen warst Du Mutter?“. Die Antwort darauf entschuldigt nichts, doch sie erklärt. Und Erklärungen machen möglich, dass Du verstehen kannst, ohne Dich selbst aufzugeben.

Das ist nicht dasselbe wie das endlose Verständnis, mit dem sich manche erwachsene Kinder in der Verstrickung halten. Wer die Mutter unermüdlich erklärt und entschuldigt, richtet das Verstehen gegen die eigene Verletzung: Sie hatte es schwer, also darf ich nicht wütend sein.

Die strukturelle Erklärung verlangt diesen Tausch nicht. Bei ihr dürfen beide Sätze zugleich wahr sein. Sie konnte unter diesen Bedingungen nicht anders, und mir hat etwas gefehlt, das ich gebraucht hätte.

Zweitens wirkt die Entlastung in beide Richtungen.
Wer erkennt, dass die eigene Mutter unter unmöglichen Bedingungen Mutter war, erkennt meist im selben Moment die eigenen unmöglichen Bedingungen.

Viele Töchter haben schon als Kinder ersetzt, was eigentlich eine Sippe hätte tragen sollen. Sie wurden Co-Mutter der Geschwister, Helferin im Haushalt, Trösterin der erschöpften Mutter. Der Maßstab der Alleinverantwortlichen war ihnen darum vertraut, lange bevor sie eigene Kinder hatten oder sich dagegen entschieden.

Töchter, die selbst Mütter wurden, treffen auf denselben Maßstab, an dem ihre Mutter gescheitert ist. Sie sollen die Alleinverantwortliche sein, die alles schafft. Frieden mit der Mutter heißt für sie darum fast immer auch, Frieden mit dem eigenen Anspruch ans Muttersein zu schließen.

Töchter ohne Kinder begegnen demselben Maßstab in anderer Gestalt. Von ihnen wird wie selbstverständlich erwartet, dass sie sich kümmern – um alternde Eltern, um Geschwister, um andere – und zugleich sollen sie sich für ein Leben rechtfertigen, in dem sie angeblich etwas schuldig geblieben sind.

Manche tragen auch die stille Frage mit sich, ob ihre Entscheidung gegen Kinder etwas mit der eigenen Mutter zu tun hat. Oft ist sie eher eine Antwort auf das Bild von Mutterschaft selbst. Wer mit dem Maßstab der Alleinverantwortlichen aufgewachsen ist, spürt früh, dass dieses Bild jenseits jeder Realität liegt und niemand es erfüllen kann.
Die Entscheidung gegen Kinder ist dann keine Absage an Kinder, sondern an eine unerfüllbare Aufgabe. Auch darin steckt eine Entlastung. Die Ahnung, nicht zu genügen, war richtig, nur galt sie nie der eigenen Tauglichkeit, sondern der Unmöglichkeit dessen, was verlangt wird.

Bei Söhnen wirkt die Entlastung noch einmal anders. Wo Väter fehlten oder anwesend, doch nicht präsent waren, wurden viele Söhne zum Partnerersatz ihrer Mutter. Sie wurden Vertrauter, der Mann im Haus, Adressat von Sorgen, die ein erwachsenes Gegenüber gebraucht hätten.

Wer das erkennt, versteht, warum die Nähe der Mutter sich oft wie Vereinnahmung anfühlte, warum die Ablösung sich anfühlt wie ein Treuebruch und warum spätere Partnerinnen gegen eine unsichtbare erste Frau antreten müssen.

Die Entlastung für Söhne liegt darin, zwei Dinge zugleich zu erkennen: Die Bedürftigkeit ihrer Mutter war nicht deren eigene Schuld. Und der eigene Rückzug ist kein Verrat.
Kinder können keinen Partner ersetzen, und keine Mutter sollte je in eine Lage geraten, in der sie das Fehlende bei ihrem Kind sucht. Diese Entlastung macht die Frage frei, welchen Anteil an Fürsorge sie selbst heute in ihren eigenen Familien und irgendwann gegenüber der alternden Mutter übernehmen wollen. Ohne diese Entlastung ist die Antwort selten frei von Fürsorge aus Schuldgefühl oder Rückzug aus Angst vor Vereinnahmung. Das eine ist Wiedergutmachung, das andere Flucht.

Die Entlastung hat noch eine dritte Richtung: Wer den Maßstab einmal als unmöglich erkannt hat, gibt ihn nicht mehr ungeprüft weiter. Nicht an die eigenen Kinder und nicht an das Bild von Fürsorge, das die nächste Generation übernimmt.

Drittens ist Frieden nicht dasselbe wie Harmonie.
Die strukturelle Einsicht verpflichtet zu nichts. Wenn Du sie annimmst, musst Du deshalb weder den Kontakt suchen noch vergeben, was an konkreter Grausamkeit geschehen ist. Aus einer Erklärung folgt nicht zwangsläufig Nähe. Du kannst Deine Mutter vollständig verstehen und ihr zugleich die Verantwortung für ihr Leben zurückgeben. Dorthin, wo sie immer hingehört hat.

Ich lese die Ergebnisse der Matrifokalitätsforschung deshalb nicht als Aufforderung, sich zu versöhnen, sondern als Deutungsangebot. Der Krieg zwischen Müttern und ihren erwachsenen Kindern ist kein Naturgesetz. Er hat eine Geschichte. Und was eine Geschichte hat, hat einen Anfang und kann ein Ende haben.

Teil II – Der Entwurf

Die Bestandsaufnahme erklärt den Schmerz. Doch die Brille der Matrifokalitätsforschung kann mehr, als in die Vergangenheit schauen. Ihre für mich stärkste Wirkung liegt in der Frage, die sie ans Heute stellt: Warum eigentlich so und nicht anders?

Diese Frage führt an drei Stellen zurück, die Teil I offen lässt: zu den Männern, die dort als Fürsorgende fehlen, zu der Scham, es nicht allein zu schaffen, und zu denen, die ihre Mutter verstehen und trotzdem keinen Frieden finden.

1. Die Vaterlücke – Was, wenn männliche Fürsorge nie an Vaterschaft gebunden war?

Teil I erklärt vieles über die weibliche Linie und Männer kommen darin kaum als Fürsorgende vor. Das ist kein Zufall. Die Väter fehlen in Teil I, weil sie in dieser Dynamik tatsächlich fehlen, in den Familien wie in der inneren Auseinandersetzung der erwachsenen Kinder. Kaum jemand fragt, welchen Anteil die Abwesenheit des Vaters an der Mutter-Kind-Dynamik hat. Genau diese Leerstelle ist die patriarchale Gleichung: Fürsorge ist Frauensache, der Mann ist Ernährer oder außen vor.

Die matrilinearen Gesellschaften, die es tatsächlich gibt, leben das anders. Die Mosuo in Südwestchina bilden das, was Stephanie Gogolin und Gabriele Uhlmann ein Neo-Matridurat nennen, eine mutterzentrierte Gemeinschaft, die ihre Ordnung inmitten eines patriarchalen Umfelds bewusst bewahrt und verteidigt. Ein Kind wächst dort im Haushalt der Mutter auf, und die verlässlichen männlichen Bezugspersonen sind nicht der biologische Vater, sondern die Männer der Mutterlinie, allen voran die Brüder der Mutter.

Bei den Mosuo ist Vaterschaft bekannt und trotzdem strukturell folgenlos. Das ist der beste lebende Beweis dafür, dass die matrilineare Ordnung nicht auf Unwissen beruht, sondern auf Irrelevanz. Sie wissen, wer der Vater ist. Sie bauen die Gemeinschaft nur nicht um ihn herum. Das Kind ist versorgt, ganz gleich ob der leibliche Vater sich kümmert oder nicht, weil die Fürsorge aus der Mutterlinie kommt und nicht daran hängt, ob ein einzelner Mann auftaucht.

Darin steckt der eigentlich aufregende Gedanke für heute. Männliche Fürsorge und romantische Paarbeziehung sind zwei verschiedene Dinge, die das Patriarchat in der Kleinfamilie zwangsverschweißt hat. Sobald man sie trennt, öffnet sich ein Raum.

Ein Kind könnte verlässliche Männer im Leben haben, ohne dass diese die Partner der Mutter sein müssen, einen Onkel etwa oder enge Freunde, die zur Wahlfamilie geworden sind. Und ein Mann könnte fürsorglich, prägend und gebraucht sein, ohne dass daran die Ernährerrolle oder eine Paarbeziehung hängen muss. Kirsten Armbruster nennt das in ihrer eigenen Sprache „Vätertauglichkeit“ und koppelt sie bewusst vom Herrschaftsanspruch ab. Vätertauglich ist nicht, wer versorgt, sondern wer fürsorgen kann.

Man kann einwenden, dass auch in matrilinearen Gesellschaften oft Männer das Sagen behielten, nur eben andere, etwa der Bruder der Frau, wie bei den Khasi. Diese Autorität des Mutterbruders über die Kinder seiner Schwester nennt die Ethnologie Avunkulat. Doch dieser Einwand misst das Modell an einem Maßstab, den erst das Patriarchat gesetzt hat, nämlich der Frage, wer herrscht.

Matrifokalität beschreibt, wer im Zentrum der Fürsorge steht, nicht, wer herrscht. Mütter im Zentrum heißt nicht Mütter an der Macht, diese Unterscheidung stand bereits am Anfang dieses Textes. Wertvoll ist deshalb die Trennung von Fürsorge und Paarbindung, nicht die Frage, wer am Ende die Autorität hat. Man kann das Erste übernehmen und das Zweite bewusst weglassen.

Gemessen daran fällt erst auf, wie absurd unsere eigene Ordnung gebaut ist. Bei uns begründet die Zeugung Ansprüche, nicht die Fürsorge. Ein Mann, der sein Kind weder fürsorgt noch kennt, kann dennoch Ansprüche an sein Leben stellen, und die Mutter, die alles trägt, muss diese Ansprüche verhandeln. So kann ein Vater, der sich nie gekümmert hat, mit seiner verweigerten Unterschrift verhindern, dass sein Kind ein Girokonto eröffnet oder mit der Mutter verreist.

Die matrifokale Logik dreht das um. Zugehörigkeit entsteht dort aus Fürsorge. Wer da ist, zählt. Wer nur gezeugt hat, ist ein Gast. Erst diese Entkopplung von biologischer Vaterschaft und Fürsorge macht Mütter frei, ihre Mutterschaft wirklich zu leben und die Männer im Leben ihres Kindes nach Verlässlichkeit zu wählen statt nach Abstammung. Ein Vater, der fürsorgt, verliert dabei nichts außer dem Recht, über die Köpfe aller hinweg zu bestimmen.

Die Entkopplung löst noch eine zweite, selten benannte Konstellation auf, die tief in die Mutterwunde hineinreicht. In vielen Familien gibt der Vater die Richtung vor, wie erzogen werden soll, und die Mutter hat sich danach zu richten. Bis 1959 war diese Ordnung sogar Gesetz.
Sie trägt die Zuständigkeit ohne die Autorität und gerät zwischen seine Vorgaben und das, was sie am Kind wahrnimmt. Folgt sie ihm, verrät sie mitunter ihr Kind. Das Kind jedoch erlebt diese Härte als ihre, denn sie vollstreckt, während der Urheber unsichtbar bleibt.

In einer mutterzentrierten Gemeinschaft ist diese Konstellation kaum denkbar. Dort wird besprochen, was ein Kind braucht, von allen, die es mittragen, und entschieden wird gemeinsam. Die Harmonie eines solchen Haushalts ist kein Ziel, das man erst erreichen müsste, sie ergibt sich aus der Struktur selbst. Weil die Liebesbeziehungen außerhalb des Haushalts bleiben, tragen Paare ihre Konflikte gar nicht erst in das Haus, in dem die Kinder aufwachsen. Überstimmen verträgt sich damit nicht. Ich selbst erlebe es bis heute immer wieder dort, wo Frauen gemeinsam sorgen: Was viele tragen, bestimmt nicht eine allein.

2. Die Scham, es nicht allein zu schaffen – Was, wenn um Hilfe bitten die ältere Normalität ist?

Es gibt einen Satz, der vielen schwer über die Lippen geht: Ich schaffe es nicht allein. Lieber wird umorganisiert, durchgehalten und still zusammengebrochen. Um Hilfe zu bitten fühlt sich an wie eine Niederlage, und zwar quer durch alle Einkommensschichten. Die erschöpfte Alleinerziehende ohne Rücklage kennt diese Scham genauso wie die Mutter, die sich jede Unterstützung leisten könnte und trotzdem findet, sie müsste es selbst schaffen.

Diese Scham ist kein Charakterzug, sie ist ein Erbstück aus dem schleichenden Verlust, von dem Teil I erzählt hat. Als es zum Ideal wurde, alles allein zu schaffen, wurde das Bitten um Hilfe zum Eingeständnis von Versagen. Was über den längsten Teil der Menschheitsgeschichte selbstverständlich geteilt wurde, zwischen Großmüttern, Schwestern, Tanten, Nachbarinnen, gilt nun als Beweis, dass eine Mutter eine Versagerin ist.

Dabei war die geteilte Sorge nie die Ausnahme, sondern die Regel. In vielen Familien und Kulturen ist sie bis heute selbstverständlich. Dort zieht eine Großmutter mit, dort springen Schwestern und Nachbarinnen füreinander ein, und niemand entschuldigt sich dafür. Diese Netze sind keine Rückständigkeit, sie sind Reste der älteren Normalität. Und sie werden bis heute neu geknüpft, oft von Menschen, die das alte Vorbild gar nicht kennen.

Wenn die Matrifokalitätsforschung von einem angeborenen Sozialverhalten spricht, meint sie das wörtlich. Matrifokalität ist in uns angelegt. Und weil sie es ist, wird das Leben leichter, sobald wir nicht mehr gegen sie anarbeiten müssen. Vieles läuft dann von selbst, ohne die ständige Anpassungsleistung, die das Patriarchat verlangt.

Für den Frieden mit der eigenen Mutter heißt das zweierlei: Vielleicht war auch Deine Mutter jemand, die nie um Hilfe bitten konnte, und ein Teil ihrer Erschöpfung und ihrer Härte war der Preis dafür. Und vielleicht sitzt dieselbe Scham heute in Dir, als Erbstück. Der Satz „Ich schaffe es nicht allein“ ist darum kein Eingeständnis von Versagen, er kann der erste Faden eines neugeknüpften Netzes sein.

3. Die Grenze der Versöhnbarkeit – Wenn das Warten auf ihre Einsicht endet

Hier kommt die strukturelle Entlastung an ihre Grenze. Struktur erklärt Erschöpfung, Kälte und Überforderung gut, doch sie erklärt nicht jede Grausamkeit.

In Teil I hieß es, die strukturelle Einsicht verpflichte zu nichts, nicht zu Kontakt, nicht zu Versöhnung, nicht zu Vergebung. Diese Einsicht hat einen Preis, und er ist für manche der härteste Teil des ganzen Weges. Wer das System hinter der Mutterschaft erkannt hat, kann der Mutter keine Schuld mehr geben, denn sie saß von Beginn an auf verlorenem Posten.

Doch mit dem Vorwurf verabschiedet sich auch die Hoffnung, von ihr eines Tages gesehen zu werden in dem Schmerz, den man erlitten hat. Der Hoffnung wegen fuhr man weiter zu den Besuchen und spielte die Scharade mit, so zu tun, als sei nichts gewesen und alles irgendwie gut gelaufen.
Die Hoffnung aufzugeben fällt so schwer, weil dahinter eine Trauer wartet, die man all die Jahre nicht spüren wollte, aus Angst, in ihr unterzugehen. Und an die Stelle der Hoffnung tritt die Verantwortung, selbst dafür zu sorgen, dass man nachgenährt wird, ohne zu wissen, wie das geht, und ohne eine verlässliche Stelle, an die man sich wenden könnte.

Was in der individuellen Arbeit oft im Hintergrund bleibt – die gesellschaftliche Einbettung -, rückt die matrifokale Perspektive ins Zentrum. Ihr Kernsatz lautet: Bemuttern war nie als Ein-Personen-Leistung gedacht. Der Mensch ist eine Art, deren Kinder von vielen gemeinsam begleitet werden.

Wenn das stimmt, dann war die Erwartung, dass ausgerechnet diese eine Frau alles Nötige geben würde, von Anfang an eine strukturelle Überforderung. Und ein Kind, dessen Mutter nicht geben konnte oder es sogar verletzt hat, ist nicht zu einem Leben im Mangel verurteilt.

Denn die Sorge kann aus dem Netz kommen. Andere Menschen – die Ethnologie nennt sie nach Sarah Blaffer Hrdy „Allomütter“, und es sind keineswegs nur Frauen – können nachnähren, was die leibliche Mutter nicht geben konnte. Das gilt gerade auch für die, deren Mutter über jede Not hinaus zerstörerisch war.

Das entkoppelt zwei Dinge, die im Kleinfamilien-Denken untrennbar scheinen: die Heilung des Kindes und die Versöhnung mit der Mutter. Man kann heil werden, ohne sich zu versöhnen. Distanz zur leiblichen Mutter und Frieden sind keine Gegensätze. Der Frieden entsteht dann nicht in der Zweierbeziehung, sondern in ihrer Entlastung durch viele.

„Frieden mit der Mutter“ heißt in dieser Lesart nicht zwingend Frieden mit ihr. Es kann heißen, Frieden zu schließen mit der Tatsache, dass eine einzelne Frau nie hätte reichen können, und sich die Freiheit zu nehmen, sich das Fehlende woanders zu holen, ohne Schuldgefühl und ohne die Pflicht zur Wiedergutmachung.

Von der einen Person zum Netz

Dieser Forschungszweig hilft, den ermüdenden Vorwurf von einer einzelnen Frau zu nehmen, ihn einer ursächlichen Struktur zuzuordnen und in diesem Zuge die Zwangsverschweißungen zu lösen, die die Kleinfamilie vorgenommen hat:

  • Männliche Fürsorge von der Paarbeziehung trennen.
  • Das Bitten um Hilfe von der Scham befreien.
  • Die Heilung des erwachsenen Kindes von der Versöhnung mit der leiblichen Mutter entkoppeln.

In allen Fällen ist es dieselbe Bewegung von der einen zuständigen Person zum Netz.

Der Frieden mit der eigenen Mutter ist damit mehr als Psychohygiene. Er ist der Moment, in dem ein erwachsenes Kind aufhört, den Schaden des Patriarchats bei einer einzelnen Frau einzuklagen, und anfängt, ihn dort zu benennen, wo er entstanden ist: in der Struktur, nicht in einer Person.

Wenn die Mutterwunde ein Strukturschaden ist, dann heilt sie nicht allein auf der Couch. Sie heilt dort, wo Strukturen sich ändern. Wo Menschen wieder Netze knüpfen, die die verlorene Sippe ersetzen. Freund:innen, die einander nachnähren, geteilte Care-Arbeit, der Bruder, der wie selbstverständlich den Mittwoch übernimmt. Gemeinschaften also, in denen Mütter nicht allein sind.

Und doch wäre es die halbe Wahrheit, das Netz allein zur Privatsache zu erklären. Netze brauchen Bedingungen: Zeit, die nicht vollständig von Erwerbsarbeit aufgefressen wird, Wohnraum, der Gemeinschaft erlaubt, ein Recht, das Fürsorge anerkennt statt nur Abstammung. Wer Netze knüpfen will, braucht auch eine Politik, die das Knüpfen nicht bestraft. Auch das gehört zu den Strukturen, die sich ändern müssen.

Was die Matrifokalitätsforschung liefert, ist ein Kontrastmittel: Sie zeigt, dass unsere heutige Anordnung – eine Frau, eine Wohnung, die volle Last – nur eine unter vielen möglichen ist, und historisch eine ziemlich junge, ziemlich einsame und ziemlich überfordernde.

Sobald man das einmal gesehen hat, wird die Gegenwart verhandelbar und Sprüche wie „So war es schon immer“ verlieren ihre Gültigkeit. Der Wert dieser matrifokalen Brille liegt genau darin, dass sie das Selbstverständliche wieder zur Frage macht, ohne in die Vergangenheit zurückzuwollen.

Es verändert auch den Blick auf die eigene Geschichte. Vielleicht war Deine Mutter nicht einfach unfähig oder kalt, sondern allein mit etwas, das für eine Person zu groß ist. Das macht nicht alles ungeschehen, doch es rückt etwas zurecht. Was Dir gefehlt hat, war nicht zwangsläufig persönlich gemeint.

„Frieden mit Deiner Mutter“ fühlt sich für Dich vielleicht noch weit weg an. Daran ist nichts falsch, das darf so sein.

Ich habe dazu eine geführte Meditation aufgenommen, mit der Du für Dich prüfen kannst, wo im Vergebungsprozess mit Deiner Mutter Du gerade stehst. Dabei gehe ich nicht davon aus, dass ein glückliches Leben erst nach der Vergebung beginnt. Ein erfülltes, lebendiges Leben musst Du nicht aufschieben, bis diese eine Beziehung gelöst ist.

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Dieser Text stützt sich auf die Ergebnisse der Matrifokalitäts- und Patriarchatsforschung. Was daran wissenschaftlich belegt ist – von Çatalhöyük bis zur Evolutionsbiologie – schlüssele ich transparent auf in → „Patriarchatsforschung – Was hat die Matrifokalitätsforschung damit zu tun?“

Quellen und weiterführende Literatur

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