Frieden ist nicht das Ziel. Du bist es. Blogbeitrag von Jana Eva Ritzen - Im Frieden mit Deiner Mutter

Frieden mit Deiner Mutter ist nicht das Ziel

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Um in den Frieden mit Deiner Mutter zu finden, darfst Du radikal Dich und Dein Wohlbefinden in den Fokus rücken. Die Hauptrolle spielst hierbei Du und nicht Deine Mutter.

Das klingt banal und ist es nicht. Hast Du das verinnerlicht, wird das Dein Wendepunkt. 

Solange der Frieden mit Deiner Mutter Dein Ziel ist, machst Du Dein Wohlergehen von ihr abhängig. Von ihrer Einsicht, ihrer Veränderung und ihrer Fähigkeit, Dich zu sehen, anzuerkennen und so zu lieben, wie Du es gebraucht hättest.

Das ist die Sackgasse. Du wartest darauf, dass sich die Beziehung klärt, damit es Dir dann endlich besser geht. Doch so rum funktioniert das nicht.

Die Reihenfolge ist anders herum. Geht es Dir besser, entsteht Frieden – als Ergebnis des Prozesses. Entweder als Aussöhnung mit Deiner Mutter oder als Frieden mit der Tatsache, dass es diese Aussöhnung nie geben wird. Denn auch das ist Frieden. Welche Form er annimmt, ist zweitrangig. Für Dein Wohlergehen ist sie nicht entscheidend.

Und weil es so oft im selben Atemzug kommt: Nein, Du musst ihr nicht vergeben, um frei zu sein. Vergebung kann sich einstellen, als Folge Deiner Freiheit. Doch sie ist keine Eintrittskarte, die Du erst lösen musst, um inneren Frieden zu erfahren. Der Frieden kommt auch dann, wenn Du ihr nicht vergibst.

Was „es geht mir besser“ konkret bedeutet, hängt von Deiner individuellen Situation ab. Eine Frau, deren Mutter seit zwanzig Jahren tot ist, hat nicht dieselben Herausforderungen wie eine, die morgens mit ihrer Mutter am Küchentisch sitzt. 

Ein Sohn, der vor zehn Jahren den Kontakt abgebrochen hat, ringt mit etwas anderem als ein Mann, dessen Mutter im Sterben liegt und der zwischen Nähe und alter Wut hin- und hergerissen ist.

Und wer gerade erst begreift, dass die eigene Mutter nie so lieben konnte, wie man es gebraucht hätte, steht an einem anderen Punkt als jemand, der ihr längst vergeben hat und trotzdem spürt, wie die Beziehung zur Mutter ihn nicht wirklich freigibt.

Im Folgenden beschreibe ich sechs Situationen, die sich aus Hunderten von Antworten und vielen Gesprächen mit Klient:innen und meiner Community herauskristallisiert haben.

1. Du hast den Kontakt abgebrochen und trotzdem sitzt Deine Mutter Dir im Nacken

Die Entscheidung war richtig, das weißt Du. Trotzdem hört der Nachhall nicht auf. Im Außen ist jetzt endlich Ruhe, doch im Innen geht es weiter. Das ständige Grübeln und Grollen, das Rechtfertigen vor Menschen, die nie gefragt haben, und das Warten auf den Angriff, der nie kommt.

Du denkst, Dein Problem sei, dass Du nicht genug losgelassen oder ihr vergeben hast oder es doch noch die eine große Aussprache braucht. Doch das eigentliche Problem ist Deine Vorstellung von Loslassen. Als wäre es etwas, das Du mit genug Verstehen oder Willen hinbekommst. Dabei ist Loslassen nichts, was Du entscheiden kannst.

In der Hoffnung, aus dem Kreislauf aussteigen zu können, fährst Du im Erkenntnis-Karussell endlose Runden. Erhoffst Dir im nächsten Buch, im nächsten Kongress, im nächsten Ritual die eine Erkenntnis, die Dein Problem endlich knackt.

Zwei Entscheidungen, die Dich in diesem Karussell halten, schiebst Du ständig vor Dir her:

  1. Mit dem Warten abzuschließen. Soll heißen, zu akzeptieren, dass die Klärung, auf die Du hoffst, vielleicht nie kommt, und dass Dein Frieden trotzdem nicht daran hängt. Ob ihr irgendwann wieder in Kontakt kommt oder nicht, bleibt offen und darf offen bleiben. Für Deinen Frieden ist das nicht entscheidend.
  2. Dich endlich begleiten zu lassen anstatt endlos allein weiter zu recherchieren und Dir alles alleine zusammenzupuzzeln. Denn allein bestätigst Du am Ende immer wieder Deine eigenen Muster. Du schaust ja mit genau dem Blick darauf, der sie geschaffen hat. Erst das Spiegeln von außen macht Deine blinden Flecken sichtbar.

Du darfst Dich der Möglichkeit öffnen, dass Frieden ohne Wiederannäherung und ohne Vergebung möglich ist, und dass Reden und Verstehen allein Dich nicht dahin führen, wo Du hin möchtest: Innerlich frei sein und endlich Dein eigenes Leben leben.

2. Deine Mutter lebt nicht mehr und es ist trotzdem nicht vorbei

Vielleicht hast Du gehofft, dass es mit ihrem Tod friedlicher in Deinem Leben wird, und stellst verwundert fest, dass dem nicht so ist. Du trägst immer noch Wut in Dir, Schuldgefühle und eine tiefe Trauer. Trauer um die nicht mehr vorhandene Möglichkeit, Dich auszusprechen, und Trauer um die Mutter, die sie nie war bzw. um die Bindung, die nie existiert hat.

Du glaubst, es sei „zu spät“ und dass mit ihrem Tod die Tür endgültig ins Schloss gefallen und jede Möglichkeit für eine Klärung vertan sei. Das ist ein fataler Irrtum, denn Dein Frieden war nie an die physische Anwesenheit Deiner Mutter gebunden.

Deine Sehnsucht nach nachträglicher Klärung lässt Dich eine Methode nach der anderen ausprobieren, die Dir nochmal Kontakt verspricht. Mediale Sitzungen/Jenseitskontakte, Rituale, Aufstellungen, geistige Heilarbeit und Ahnenarbeit. Alles Wege, die Dich berühren und tragen können.

Deine Suche nach einer (Er)Lösung oder Antwort lässt Dich den einzigen Schritt überspringen, der wirklich wirkt: das Trauern selbst. Langsam, unspektakulär, und ohne die schnelle Antwort, nach der Du suchst.

Doch wenn Du wirklich hindurchgehst, bringt die Trauer Dich genau dorthin, wohin Du willst: in den Frieden. Manchmal braucht es dafür Begleitung, weil die Angst vor dem Schmerz zu groß ist, um allein hindurchzugehen und damit Du nicht in der Trauer stecken bleibst.

Wofür Du Dich in jedem Fall öffnen darfst, ist, dass Frieden ohne ein lebendiges Gegenüber möglich ist.

3. Ihr habt Kontakt und jedes Treffen kostet Dich Energie

Da fliegen Spitzen in Form von beiläufigen Sätzen zu Deiner Figur, Deinem Haushalt, Deinen Kindern. In ihrer Nähe fühlst Du Dich wie ein Kind und verlierst den Kontakt zu Dir selbst. Setzt Du Grenzen, hagelt es (unausgesprochene) Vorwürfe und Du wirst von Schuldgefühlen überrollt. Es fällt Dir schwer, Dich im Kontakt mit Deiner Mutter nicht aufzugeben.

Du hältst das für ein Kommunikationsproblem, als bräuchte es nur die richtigen Worte oder ihre Einsicht. „Wenn ich die richtigen Worte finde oder sie mich endlich versteht, wird es gut.“ Oder auch: „Wenn sie sich ändert, wird alles gut.“ Beides ist ein Irrtum. 

Deine Sehnsucht nach dem einen klärenden Gespräch lässt Dich jeden Grenzen-Ratgeber und „Umgang mit schwierigen Müttern“-Kurs sowie Kommunikationstechniken noch und nöcher mitnehmen, um Dich fürs nächste Treffen zu wappnen. Doch all diese „Lösungen“ sind reaktiv und situativ und bringen keinen grundsätzlichen Frieden in die Beziehung. Sie sind Feuerlöscher, keine Brandverhüter.

Freunde Dich damit an, dass sich Deine Mutter nach all den Jahren nicht mehr ändert oder Dich versteht und Du sie endlich so annehmen darfst, wie sie IST, statt sie weiter zu dem Menschen machen zu wollen, den Du Dir wünschst. Und dass konsequent Grenzen zu setzen Schuldgefühle und möglicherweise auch Eskalation auslöst und Du lernen darfst, damit umzugehen.

Du darfst Dich der Möglichkeit öffnen, dass Frieden eintreten kann, ohne dass Deine Mutter sich verändern oder Dich verstehen muss und dass Grenzen nicht von der Einsicht Deiner Mutter abhängen.

4. Sie wird alt oder krank und Du rutschst in eine Rolle, die Dich auffrisst

Deine Mutter ist pflegebedürftig und Du plötzlich für alles zuständig. Anrufe, Termine, Dauer-Alarmbereitschaft. Vielleicht ist Demenz dazugekommen, und das, was ihr nie geklärt habt, lässt sich jetzt nicht mehr klären. 

Du hältst „gute Tochter/guter Sohn sein“ für gleichbedeutend mit „alles geben“ und glaubst, Du dürftest erst dann an Dich denken, wenn alles vorbei ist.

Deine Erschöpfung und Dein Wunsch nach praktischer Entlastung lassen Dich nach jedem Ratgeber, jedem Pflegetipp und schneller Beruhigung wie einem Glas Wein am Abend, einer Tafel Schokolade oder der Meditations-App greifen, die Deinen Alltag sofort erleichtern.

Herzlich willkommen im Boot-Camp für Abgrenzung und Delegieren. Freunde Dich mit Deinen eigenen Bedürfnissen an und nimm sie ernst, setz Grenzen und delegiere Aufgaben anstatt alles alleine zu tragen.

Du darfst Dich für die Möglichkeit öffnen, dass Du für Dich selbst sorgen darfst, ohne eine schlechte Tochter bzw. ein schlechter Sohn zu sein.

5. Im Kopf und Herzen im Frieden und doch …

Der große Groll ist weg. Im Kopf und im Herzen bist Du im Frieden mit Deiner Mutter und dieser Frieden ist echt. Nur Dein Körper ist noch nicht mitgekommen. Das zeigt sich dadurch, dass da noch etwas für Dich nicht Greifbares ist, das Dich nicht ganz zur Ruhe kommen lässt. Alte, diffuse Befürchtungen, ein Reflex, ein Dich-klein-Machen und der fehlende Raum, einfach zu sein.

Weil Du die Geschichte mit ihr wirklich aufgearbeitet hast und keinen Groll mehr spürst, kannst Du Dir diesen Rest nicht erklären. Du weißt nicht, wo Du überhaupt ansetzen sollst. Also zweifelst Du: Vielleicht bildest Du ihn Dir nur ein? Oder Du denkst: „Mehr geht wohl nicht.“

Gerade weil Du schon so viel Zeit, Geld und Kraft investiert hast, fällt es Dir schwer, Dich diesem letzten Rest ernsthaft zuzuwenden. Stattdessen redest Du ihn klein. Dass dieser Rest Dich mehr stört, als Du Dir eingestehen magst, hindert Dich daran, ihm nachzugehen.

Du darfst Dich der Möglichkeit öffnen, dass es unter dem verstandenen und durchfühlten Frieden eine körperliche Ebene gibt, die Du bisher noch nicht mitgenommen hast, und dass genau dort das nicht greifbare Etwas sitzt. Verstanden und durchfühlt ist nicht dasselbe wie verkörpert.

6. Du bist selbst Coach / Berater:in mit eigenem Restthema

Du begleitest selbst andere Menschen bei ihren Lebensthemen und denkst, als Profi müsstest Du Dein Thema eigentlich selbst lösen können. Es ist Dir peinlich, Dir mit Deinem eigenen Thema Unterstützung zu suchen.

Du investierst routiniert in Kompetenz – Fortbildungen, Ausbildungen, Fachbücher, Methoden-Workshops – und tust Dir im Gegenzug schwer, in Deine eigene persönliche Entwicklung zu investieren. Du trennst Dein eigenes Thema nicht von Deiner Profi-Rolle, was zur Folge hat, dass Du Dich nicht als Klient:in in Begleitung begibst.

Du darfst Dich dafür öffnen, dass es nicht nur legitim, sondern unabdingbar ist, Dich als Profi in Deinen persönlichen Themen begleiten zu lassen.

Was alle miteinander vereint 

So verschieden diese sechs Situationen sind, in jeder wirkt in der Tiefe derselbe Vertrag, den Du insgeheim mit Dir selbst geschlossen hast: „Es darf mir nicht besser gehen als ihr.“

Vielleicht zeigt er sich bei Dir offen, indem Du auf die Einsicht Deiner Mutter wartest, auf ihre Veränderung, die eine Aussprache, auf Vergebung. Also auf ein Startsignal von außen, das Dir erlaubt, dass es Dir endlich gut gehen darf. Vielleicht hast Du im Kopf und Herzen längst Frieden geschlossen und trotzdem wirkt dieser Vertrag ganz unbemerkt in Deinem Körper weiter.

Der Unfrieden bleibt dabei nicht nur auf Deine Mutter beschränkt. Er macht sich auf vielfältige Weise in Deinem Leben bemerkbar.

Bei einigen zeigt er sich im Körper als Anspannung, Dauererschöpfung, das Gewicht, das nicht weichen will (oder sich umgekehrt partout nicht halten lässt), oder als Schmerz, der aus dem Nichts zu kommen scheint.

Bei anderen zeigt er sich als die Unfähigkeit, sich Erfolg, Geld oder Sichtbarkeit zu erlauben. Bei den nächsten als emotionale Taubheit oder als das ewige „Ich sorge für alle, nur nicht für mich“.

Bei wieder anderen zieht er sich durch alle Beziehungen. Du lässt niemanden wirklich nah an Dich heran. Weder Deine:n Partner:in noch Deine Freund:innen, manchmal nicht mal Deine eigenen Kinder.
Im Job wiederholst Du mit Chef:innen und Kolleg:innen genau diese alten Muster. Entweder machst Du Dich klein, passt Dich an, ringst um Anerkennung und achtest darauf, bloß nicht anzuecken. Oder Du ordnest Dich nicht unter, begehrst gegen jede Autorität auf und lässt Dir von niemandem etwas sagen, um immer die Kontrolle zu behalten und die Ohnmacht von damals nie wieder spüren zu müssen.
Vielleicht gehörst Du auch zu denjenigen, die auf unerklärliche Weise immer wieder an Menschen geraten, die Dir immer und immer wieder dieselbe Wunde aufreißen.
Und wenn Du selbst Mutter oder Vater bist, ist der Unfrieden mit Deiner Mutter Nährboden für die vielleicht größte Angst, all das an Deine eigenen Kinder weiterzugeben.

So verschieden diese Situationen aussehen, sie haben alle dieselbe Wurzel: Ein altes Muster, tief in Dein Nervensystem eingeschliffen ist und automatisiert und schneller reagiert als jeder Deiner bewussten Gedanken.

Deshalb hört der Nachhall trotz all der Bücher, Seminare, Kongresse, Therapien und Aufstellungen einfach nicht auf. Dieses Muster verändert sich nicht dadurch, dass Du es noch besser mit dem Kopf verstehst. Es verändert sich, wenn das Verstehen im Körper stattfindet.
Es ist wie beim Schwimmen: Du kannst das perfekte Buch übers Schwimmen lesen und jede Bewegung verstehen. Schwimmen kannst Du dadurch nicht. Erst wenn Du mit Deinem Körper die Bewegungen ausführst, verstehst Du wirklich, was genau Du tun musst. Und das ist manchmal etwas ganz anderes, als Du beim Lesen dachtest. 😉 Verstehen ist die Landkarte, nicht der Weg.

Diesen Weg musst Du nicht alleine beschreiten. Es ist sogar äußerst sinnvoll, sich streckenweise eine Wegbegleitung an die Seite zu holen, die die Beschaffenheit des Weges kennt. Eine, die weiß, wo es steil wird, wo man leicht die Richtung verlieren kann und wo der Boden trägt. Die Dich nicht drängt und Dich darin unterstützt, bei Dir zu bleiben, wenn der alte Reflex Dich wieder aus Dir rausziehen will. Und das Wichtigste: Die sieht, was Du selbst nicht sehen kannst, weil Du zu nah dran bist.

Du darfst diesen Vertrag, der besagt, dass es Dir nicht besser gehen darf als Deiner Mutter, kündigen. Und zwar JETZT. Nicht irgendwann, wenn sich alles geklärt hat.

Wenn Du diesen Weg beschreiten willst, komm in ein Orientierungsgespräch. Ich bin diesen Weg gegangen und kenne die Fallstricke. Nach dem Gespräch weißt Du exakt, wo Du aktuell stehst, was Dich noch bindet und welcher nächste Schritt der richtige für Dich ist.

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