Trägst Du noch alte Wunden in Dir, die sich einfach nicht schließen wollen?
Obwohl Du schon so oft hingeschaut hast?
Obwohl Du schon soviel daran gearbeitet hast?
Über vier Jahrzehnte habe ich mich mit meiner Mutterwunde rumgeschlagen. Sie kostete mich so viel Kraft und Energie, dass ich zwischendurch immer wieder das Gefühl hatte, eines Tages daran zugrunde zu gehen.
Bis zu diesem Moment:
Es ist der 8. November 2022, als sich eine Erkenntnis mit voller Wucht ihre Bahn bricht – eine der heilsamsten Erkenntnisse meines Lebens.
Ich teile ihn mit Dir, weil er vielleicht auch Dich auf Deinem Weg unterstützen kann.
**********
Die Erkenntnis
Einem verletzten Menschen seinen Schmerz nicht zuzugestehen, bedeutet, ihn immer wieder aufs Neue zu verletzen.
Ich war Wochen zuvor durch einen Prozess gegangen, in dem ich einen Schmerz fast schon trotzig zu mir holte, weil er mir immer abgesprochen wurde.
Als Kind und Jugendliche sollte ich immer Verständnis haben.
Meine Mutter würde es ja nicht so meinen. Sie würde mich schließlich lieben.
Dann sollte ich den Schmerz überwinden. Es wäre doch besser für mich, ihn loszulassen.
Schließlich folgten Blicke – oder Worte – die entnervt fragten: „Bist Du da immer noch nicht drüber hinweg?“
Nein.
Ich war nie darüber hinweg.
Aus einem ganz einfachen Grund: Ich hatte diesen Schmerz nie wirklich nach Hause geholt.
Das Recht, Schmerz zu fühlen und festzuhalten
Von klein auf wurde mir nicht zugestanden, diesen Schmerz überhaupt haben zu dürfen.
Deshalb war es eine der machtvollsten Handlungen meines Lebens, mir diesen Schmerz zu erlauben – ohne ihn überwinden zu wollen.
Ich wollte ihn fühlen.
Ich wollte die Wut spüren, die in ihm lag.
Ich genoss die Klarheit, die in der Gewissheit lag, alles Recht dieser Welt zu besitzen, so lange an diesem Schmerz festhalten zu dürfen, wie ich es brauche.
Die Betonung liegt auf: solange ich es brauche.
Niemand hat das Recht darüber zu entscheiden, wann der Zeitpunkt des Loslassens gekommen ist – außer Du.
Es ist ganz allein Deine Entscheidung, diesen Zeitpunkt zu bestimmen.
Den Schmerz nach Hause holen
Manchmal besteht der nächste Schritt nicht darin, den Schmerz loszulassen.
Es gibt Momente, in denen es richtig und wichtig ist, den Schmerz nicht loslassen oder überwinden zu wollen.
Es geht darum, ihn in Besitz zu nehmen. Sein Wüten in allen Fasern Deines Körpers zu spüren, ihn zu würdigen für die Power, die er Dir verleiht, ihn zu adressieren und ihn rauszubrüllen.
Den Schmerz umarmen
Deine Wut und Deine Wunde haben rein gar nichts mit Deiner Mutter zu tun – außer, dass sie Dir von ihr zugefügt wurden.
Egal, was Du oder sie tut: Es ist und bleibt Deine Wunde.
Keine Vergebung Deinerseits und keine Entschuldigung und Erklärung Deiner Mutter können diese Wunde für Dich schließen.
Das kannst nur Du.
Nur Du kannst diesen Schmerz annehmen und halten.
Und nur Du entscheidest, wann der Zeitpunkt gekommen ist, ihn wieder freizugeben.
Eine Frage für Dich
Lass Dir von niemandem einreden, Du müsstest diesen Schmerz endlich überwunden haben, weil …
Frage Dich stattdessen: Habe ich mir überhaupt erlaubt, diesen Schmerz ganz zu mir zu holen?
Bist Du bereit, Deinen Schmerz zu halten, bis er Dich loslässt?
TAKE YOUR SPACE
Jana