Der Grundgedanke in einem Satz
Wie und wann ist die Männerherrschaft entstanden? Das ist die Frage, von der die Patriarchatsforschung ausgeht. Wobei „Männerherrschaft“ hier die heute übliche Kurzform ist; im Ursprung meint „Patriarchat“ wörtlich die „Herrschaft der Väter“ (warum das nicht dasselbe ist, kläre ich unter „Männerherrschaft oder Väterherrschaft?“).
Diese Frage ergibt nur Sinn, wenn das Patriarchat kein Naturzustand ist, sondern ein gewordenes, also datierbares und damit potenziell endliches System.
Den Beweis, dass es ein „Davor“ gab, liefert die Matrifokalitätsforschung. Deshalb steht sie nicht am Rand der Patriarchatsforschung, sondern trägt das Ganze. Wer kein Bild davon hat, wie ein Leben ohne Patriarchat aussah, hat auch kein Gegenbild, an dem sich das Patriarchat überhaupt erkennen ließe.
Drei Begriffe, sauber unterschieden
Matriarchatsforschung ist der älteste Strang.
Sie beginnt 1861 mit Johann Jakob Bachofens „Das Mutterrecht“ und reicht bis zu Heide Göttner-Abendroth. Der Begriff „Matriarchat“ ist historisch belastet, weil er ständig umgedeutet wurde. Mal als Schreckbild einer „Frauenherrschaft“, mal als Ideal einer friedlichen Frühzeit.
Wichtig ist, dass sich ein Matriarchat im Sinne einer Mütter-Herrschaft als Spiegelbild des Patriarchats historisch nicht nachweisen lässt.
Patriarchatsforschung dreht die Blickrichtung um.
Sie fragt nicht „Gab es eine Frauenherrschaft?“, sondern „Wie ist die Männerherrschaft – im Ursprung: die Herrschaft der Väter – entstanden?“. Damit verschiebt sich der Gegenstand vom Streit über die Vergangenheit hin zur Analyse eines Systems, das einen Anfang hatte und deshalb auch ein Ende haben kann.
Matrifokalität heißt wörtlich „Mütter im Zentrum“.
Der Begriff stammt aus der Ethnologie (Raymond T. Smith) und bezeichnet Familienformen, in denen die Mutter der organisierende Knotenpunkt des sozialen Netzes ist, ohne dass daraus Herrschaft folgt.
Autorinnen wie Gabriele Uhlmann und Stephanie Gogolin bevorzugen ihn genau deshalb: Er entzieht sich der ganzen verunglückten „Matriarchat“-Debatte, weil er nichts über Macht behauptet, sondern etwas über die soziale Struktur. Von Gogolin stammt auch der Begriff „Das Matrifokal“, das Habitat, in dem Matrifokalität gelebt wird.
Kurz: „Matriarchat“ ist der alte, missverständliche Begriff. „Matrifokalität“ ist der präzisere Ersatz. Und „Patriarchatsforschung“ ist das Dach, unter dem beide verhandelt werden.
Wie Matrifokalität Teil der Patriarchatsforschung ist
Sie erfüllt darin drei Funktionen.
Erstens als Basislinie – das Wogegen. Erst der Kontrast einer nicht-patriarchalen Ordnung macht das Patriarchat als Abweichung sichtbar. Gerda Lerners Klassiker „Die Entstehung des Patriarchats“ funktioniert nur, weil es ein „vorher“ gibt. Matrifokalität ist dieses Vorher.
Zweitens als Empirie – das Womit. Dass es anders geht und ging, lässt sich zeigen. Bei den Mosuo in China und den Minangkabau in Indonesien lebt es bis heute, in archäologischen Befunden liegt es unter der Erde, und die Evolutionsbiologie bestätigt es. Sarah Blaffer Hrdy bringt es auf den Punkt. Menschenkinder wurden immer von vielen großgezogen, nie von der Mutter allein.
Drittens als Horizont – das Wohin. Sie zeigt, was jenseits des Patriarchats denkbar wäre. An dieser Stelle wird aus Forschung Kritik – bei Kirsten Armbruster ausdrücklich „Interdisziplinäre Patriarchatskritikforschung“.
Warum das für die persönliche Arbeit zählt
Der Bogen von der großen Struktur zur einzelnen Biografie ist kürzer, als er scheint.
Wenn Matrifokalität die ursprüngliche Sozialform war – Mütter eingebettet in ein Netz aus Großmüttern, Schwestern, Brüdern, Tanten und Onkeln -, dann ist die heutige Anordnung eine historische Ausnahme. Eine einzelne Frau, allein zuständig für das, was einmal eine ganze Sippe trug. Die isolierte Kleinfamilie ist der Endpunkt der Patriarchalisierung, nicht ihr Ausgangspunkt.
Für die Arbeit mit Menschen verschiebt sich der Blick. Die „Mutterwunde“, der immer gleiche Konflikt zwischen Mutter und erwachsenem Kind, das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, all das erscheint nicht mehr nur als private Geschichte, sondern bekommt eine strukturelle Ebene.
Nicht als Entschuldigung, sondern als Erklärung. Die Frage verschiebt sich von „Warum hast du mir das angetan?“ zu „Unter welchen Bedingungen warst du Mutter?“. Das entlastet, ohne zu beschönigen. Und es öffnet die Frage, wie fehlende Fürsorge heute anders organisiert werden könnte. Durch tragende Netze statt durch die eine überforderte Person.
Was die Matrifokalitätsforschung der persönlichen Arbeit vor allem gibt, ist ein Kontrastmittel. Sie macht sichtbar, dass „so ist es eben“ nicht stimmt. Die eigene Familienerfahrung hat einen Anfang, eine Geschichte. Und was eine Geschichte hat, lässt sich verhandeln.
Was diese Sicht stützt
Dass es vor dem Patriarchat grundlegend anders organisierte Gesellschaften gab, ist keine Glaubensfrage. Das anatolische Çatalhöyük (rund 9.000 Jahre alt) ist dafür der eindrücklichste Beleg.
Die aktuelle Analyse alter DNA (Yaka et al. 2021; eine weitere Studie 2025) zeigt, dass die Haushalte nicht um den biologischen Vater herum gebaut waren, sondern über die mütterliche Linie organisiert. In späteren Phasen waren gemeinsam Bestattete oft gar nicht eng biologisch verwandt.
Der Archäologe Ian Hodder, der den Ort über 25 Jahre erforscht hat, fand über Isotopenanalysen keinen Statusunterschied zwischen Männern und Frauen. Was sie aßen, wie sie arbeiteten, welchen Rang sie hatten, war bei beiden dasselbe. Çatalhöyük war also nachweislich vor-patriarchal, matrilinear und geschlechter-egalitär.
Dass das Patriarchat einen datierbaren Anfang hat, ist ebenfalls belegt – und sogar in der DNA sichtbar. Der Y-Chromosom-Flaschenhals (Karmin et al. 2015) zeigt, dass vor etwa 5.000–7.000 Jahren die Zahl der sich fortpflanzenden Männer dramatisch einbrach; die führende Erklärung (Zeng, Aw & Feldman 2018) führt das auf gewaltsame Konkurrenz zwischen patrilinearen Clans zurück. Dazu kommt die stark männlich dominierte Migration der Steppenvölker mit weitgehendem Austausch der männlichen Abstammungslinien. Das ist ein genetisches Porträt der Patriarchalisierung.
Ebenso breit anerkannt sind Matrifokalität als ethnologische Familienform und matrilineare Gesellschaften der Gegenwart (Mosuo, Minangkabau), der Mensch als kooperativ aufziehende Art (Hrdy), das Patriarchat als historisch gewordene Ordnung (Lerner) und die transgenerationale Weitergabe von Bindungsmustern.
In eigener Sache: Ich bin keine Patriarchatsforscherin, sondern arbeite mit dem, was diese Forschung anbietet. Die Studien, Begriffe und Thesen hier stammen von Wissenschaftlerinnen wie Gerda Lerner, Sarah Blaffer Hrdy, Gabriele Uhlmann, Kirsten Armbruster und Stephanie Gogolin, und vieles davon wird im Feld lebhaft diskutiert. Ich entscheide nicht, wer am Ende recht behält. Ich zeige hier, warum mich diese Perspektive überzeugt und wie ich mit ihr arbeite. Die Quellen laden Dich ein, Dir selbst ein Bild zu machen.
(Die Fundstellen zu allen genannten Studien stehen unten unter „Quellen und weiterführende Literatur“.)
Was die Matrifokalitätsforschung möglich macht und was nicht
Für mich ist die Matrifokalitätsforschung eine Deutungsbrille für die Gegenwart. Sie macht das scheinbar Selbstverständliche wieder zur Frage und fügt der Aufarbeitung eine Ebene hinzu, die die individuelle Schuld in einen größeren Zusammenhang stellt und dadurch entlastet.
Zwei Dinge kann sie nicht. Eine Struktur zu verstehen heißt noch nicht, den eigenen Schmerz verarbeitet zu haben. Und eine Deutungsbrille ersetzt keine therapeutische oder ärztliche Begleitung, wo diese gebraucht wird.
Die Brille zeigt Zusammenhänge. Den Weg durch die eigene Geschichte nimmt sie niemandem ab, sie leuchtet ihn nur besser aus.
Wie es aussehen kann, diese Brille an die älteste Beziehung des Lebens anzulegen, zeige ich in ‚Frieden mit der eigenen Mutter – vom Vorwurf zum Netz‘.
Kurzglossar
- Patriarchat – wörtlich „Herrschaft der Väter“ (griech. patriá + árchein); historisch entstandene Herrschaftsordnung, in der Abstammung, Besitz und Autorität über die männliche Linie laufen. Heute meist im weiteren Sinn als „Männerherrschaft“ verwendet. Mehr über die Verschiebung von der Väter- zur Männerherrschaft erfährst Du unter „Männerherrschaft oder Väterherrschaft?“. Datierbar, also nicht ewig.
- Matriarchat – missverständlicher Begriff; wörtlich „Mütterherrschaft“. Eine solche Herrschaft ist historisch nicht nachweisbar. Wird heute oft durch „Matrifokalität“ ersetzt.
- Matrifokalität – „Mütter im Zentrum“: Familienform mit der Mutter als sozialem Knotenpunkt, ohne Herrschaft.
- Matrilinear – Abstammung und Erbe laufen über die Mutter (kommt real vor, z. B. Minangkabau, Mosuo).
- Matrilokal – die Kinder leben bei bzw. nahe der Familie der Mutter.
- Avunkulat – Sozial hervorgehobene Beziehung zwischen dem Mutterbruder und den Kindern seiner Schwester. In matrilinearen Gesellschaften übernimmt er, nicht der Vater, die Rolle der männlichen Autoritäts- und Bezugsperson. Kennzeichen von Matrilinearität, nicht von Matriarchat.
- Allomütter – Alle Bezugspersonen außer der leiblichen Mutter, die ein Kind mitversorgen (Großmütter, Tanten, Geschwister, Väter). Der Begriff (Sarah Blaffer Hrdy) beschreibt den Menschen als „cooperative breeder“: geteilte Fürsorge als Norm, nicht als Ausnahme.
Quellen und weiterführende Literatur
Wissenschaftliche Belege
- Çatalhöyük, mütterliche Linie statt Vaterzentrierung: Yaka et al. (2021), Variable kinship patterns in Neolithic Anatolia revealed by ancient genomes, Current Biology 31(11) – Volltext. Neuere aDNA-Studie (2025) zur matrilinearen, „female-centered“ Struktur – Medienbericht.
- Çatalhöyük, Geschlechter-Egalität: Ian Hodder, Women and Men at Çatalhöyük, Scientific American (2004) – Artikel.
- Y-Chromosom-Flaschenhals (datierbarer Beginn des Patriarchats): Karmin et al. (2015), A recent bottleneck of Y chromosome diversity coincides with a global change in culture, Genome Research 25:459–466. Deutung durch Zeng, Aw & Feldman (2018), Cultural hitchhiking and competition between patrilineal kin groups explain the post-Neolithic Y-chromosome bottleneck, Nature Communications 9:2077 – Artikel.
- Kooperative Aufzucht: Sarah Blaffer Hrdy, Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat (2010).
- Entstehung des Patriarchats: Gerda Lerner, Die Entstehung des Patriarchats (1986 / dt. 1991).
Matrifokalitäts- und Patriarchatsforschung
- Gabriele Uhlmann: Matrifokalität – Begriffsklärung und Forschungsgeschichte und BürgerInnenwissenschaft (Citizen Science) Patriarchatsforschung
- Kirsten Armbruster: Matrifokalität ist kein Matriarchat
- Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats (1986 / dt. 1991)
- Sarah Blaffer Hrdy: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat (2010)
- Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart (zur klassischen Matriarchatsforschung)